Friday, February 1, 2008

Offener Brief an Jósef Niewiadomski und Christian Zeitz

"Ganz im Gegenteil ist die Ächtung der Gewalt überwiegend eine Kulturleistung des Christentums, denn nur die emotionale Verankerung der ungeheuerlichen Unzumutbarkeit der Feindesliebe und der Aufforderung, auch 'die andere Backe hinzuhalten' hat das dauerhafte Streben nach gewaltfreien Problemlösungsmechanisem in den kulturellen Code der westlichen Zivilisation eingepflanzt" (Christian Zeitz: Das Kreuz mit dem Islam; in: Der Standard, 30.01.08, S.35)

"Alle Dogmen würden in Frage gestellt, Traditionen und Verbindlichkeiten ausgehöhlt. Schließlich werde der Konsum zum Kult. Werte wie Solidarität mit Schwächeren oder Schutz für Arme spielen bei den 'neuen Atheisten' keine Rolle" (vergl. Jósef Niewiadomski; zit. n. Steffen Arora: Der neue Atheismus; in: 20er, 12.07 & 01.08, S. 9)


Sehr geehrte Herren Zeitz und Niewiadomski,

ihre Ansichten über die christliche Religion in allen Ehren, aber ihr Euphemismus schlägt teilweise dann doch über jegliche Stränge. Ich möchte mich sicher nicht gegen Weber oder Elias stellen, wenn ich behaupte, dass die westliche Zivilisation sehr wohl eine Leistung der christlichen Tradition ist, dies aber ganz und gar nicht ausschließlich positiv sehe.
Diese feine "Zivilisierung" der Menschen des Mittelalters hat ganz nebenbei friedliche Matriarchate, die unverklemmte und gesunde Sexualität sowie den einfachen Bürger unterdrückt.

Dass dabei ein "Produkt Mensch" entstanden ist, das sich Messer und Gabel bedient, und nunmehr die Langzeitfolgen seiner Taten abschätzt, bevor es seinen Mitstreiter niedersticht, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber ich halte es für maßlos, diese "Erfolge" einzig als Leistung der Kirche hervorzustreichen und die Vergangenheit der Menschen, vor diesem moralischen Retter, als barbarisch und unmenschlich zu charikieren.

Ihre Meinung, meine Herren, die christliche Tradition sei das Maß aller Dinge wenn es um Moral und Ethik geht, ist ihrerseits in der jahrhundertealten Tradition der Bevormundung der Menschen zu sehen. Moral und Ethik, das Wissen darum, was gut und was schlecht ist, ist alles andere als eine Erleuchtung, die einem mit dem Glauben zuteil wird. Der unmündige, illiterate und "unzivilisierte" Mensch, der sich durch die gesamte sozioökonomische Bandbreite zieht, dem Mann den Zinseszins und den Sündenerlass aufbürgen konnte und dem man mit der Vorstellung der Unterwelt das Gehorsam lehrte, stellt wahrlich eine gute Basis für Macht dar.

Vielmehr ist diese Unterscheidung, und das Eingeständnis, dass es neben Weiß und Schwarz auch noch etliche Grautöne geben mag, eine Leistung, die ein Mensch mit ausreichend Bildung und mittelmäßiger Sozialisation (auch unter Atheisten und Taufchristen) problemlos erbringen kann. Vorausgesetzt, er ist gewillt diese intellektuelle Leistung zu erbringen und fühlt sich dazu im Stande. Daher ist es umso wichtiger, die Menschen zu unabhängigen, mündigen Bürgern zu er-, und dem Einfluß einer moralisierenden Institution zu entziehen.

Ich verstehe auch nicht, woher sich die Herren das Recht nehmen, im Kontext Atheismus von Entsolidarisierung und Sozialdarwinismus zu reden, oder so unverblümt über den Islam her zu ziehen, wenn sich in der Vergangenheit der so hoch gelobten eigenen Glaubensrichtung solche Schandflecke und Mahnmale! wie die Inquisition oder die Kreuzzüge finden. Diese Ereignisse, deren Ausgang sich in der Angst vor dem eigenen Machtverlusst suchen und finden lassen, führten zu den schlimmsten Verfolgungen, Verleumndungen und Fachismen, die sich, mit Ausnahme des Holocaust, in der Geschichte Europas finden lassen.

Die Menschen sind heute zunehmend in der Lage, die Komplexität und Wunder der Welt auch ohne eine trivialisierende übergeordnete Ebene zu erkennen, zu verstehen und zu begreifen.

Ich weiß nicht, wen Sie, Herr Niewiadomski, zu überzeugen versuchen, Richard Dawkins sei mit Stalin zu vergleichen, oder wer Ihnen, Herr Zeitz, abnimmt, die Menschenrechte seien ein christliches Säkularisationsprodukt... ich für meinen Teil Glaube das sicher nicht.

1 comment:

  1. Siehe dazu auch die Antwort von Walter Wippersberg auf Christian Zeitz: "Recht hat er - irgendwie"; in: Der Standard 01.02.08, S.38

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